Ich brauche dringend Hilfe
Kürzlich bat mich eine Internettreff-Besucherin bei Gelegenheit bei einer Freundin, die sie zu den Fortgeschrittenen zählte, zu Hause nach dem PC zu schauen. Sie wolle Bilder bearbeiten und alles ginge so langsam und sowieso finde sie einige Bilder auf ihrem Rechner nicht wieder. Ich wurde meinem Grundsatz keine Hausbesuche zu machen untreu und begab mich auf den Weg zu ihr. Nachdem das Betriebssystem hochgefahren war und sie mir vorführte, wo die Probleme lagen, entfuhr mir folgender Satz. “Mit ihrer Hardware und ihrer Software befinden sie sich in der Computer und Internet-Steinzeit”. Kurzes Schweigen beim Gegenüber und ich musste meinen Satz wiederholen. Ich hätte vielleicht sagen sollen, dass sie mit ihrer Ausrüstung nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand ist und bei ihren Ansprüchen unbedingt was Neues her muss, dann wäre ihre Entrüstung nicht so heftig gewesen. Die Dame hatte schon mehrere vermeintliche Helfer einbestellt, vorwiegend Jüngere, die nichts Besseres zu tun hatten als ihr das System gründlich zu verbiegen. Bilder starteten beim Klick nicht mehr die gewohnten Programme, der Desktop Hintergrund war nicht mehr der alte, die Windows- typischen Klänge hatten sich verändert usw. Sie war vollkommen unzufrieden und so wie so fühlte sie sich durch ihren PC überfordert. Zunächst nahm ich die jungen Computerfreaks in Schutz, denn wenn man sie lässt, drehen sie an vielen kleinen Schräubchen und man denkt man hat es mit einem anderen PC zu tun als vorher. Betriebssysteme bieten nun mal allerhand Möglichen der individuellen Einstellungen. Beim Thema Ordnung für ihre überaus zahlreichen Bilder zu schaffen, war sie ganz aufmerksam. Um Grundlegendes zur Bildbearbeitung zu erfahren schlug ich ihr den Kauf eines Buches vor. Sie musste einsehen, dass zielgerichtetes bearbeiten digitaler Bilder durchaus anspruchsvoll ist. So solle sich weiterhin überlegen, für die Bildbearbeitung ein kostenpflichtiges Programm zu kaufen. Denn bei allem was ein kostenloses Programm schon kann, irgendwo kommt man an die Grenze, wenn man mit hoher Qualität arbeiten will. Sie wolle auch die Anschaffung neuer Hardware und aktueller Software ins Auge fassen, sagte sie mir zum Schluss, nachdem sie meinen Anfangssatz verdaut hatte.
Mein Fazit des Besuchs. Hier nutzt jemand sein Computersystem ohne die notwendigen Wartungsarbeiten durchzuführen. Die viel zu kleine Festplatte quillt über mit den zahlreichen Bilddateien. Dass die Halbwertzeiten von Hard- und Software immer kürzer werden, blieb unberücksichtigt. Die Dame war schlicht und einfach mit ihren Ansprüchen an ihr Computersystem überfordert. Wenn sie nicht bereit ist den Umgang mit Bildbearbeitungsprogrammen zu trainieren wird sie weiterhin häufiger oft und schnell enttäuscht sein, gab ich ihr zu verstehen.
Ich fuhr mit einem unguten Bauchgefühl nach Hause. Aber nach zwei Tagen bekam ich einen beruhigenden Anruf und die Dame bedankte sich herzlich für meine Mühen. In einem Nebenssatz gestand sie, dass sie sich noch bei einem weiteren Bekannten erkundigte ob denn meine Aussagen auch zuträfen.
Ja, Hans-Peter… so kann es gehen…
Ich habe es auch schon oft in der Praxis erlebt, dass die Schüler, die zu uns kommen – einen ausrangierten, völlig ungepflegten Rechner von ihren Kindern erhalten haben. Na, zum Üben reicht der erstmal, wird ihnen gesagt…
Nein, das ist völlig falsch. Um ordentlich arbeiten zu können und es richtig zu lernen, ist gutes Handwerkszeug notwendig – sonst verliert man ganz schnell die Lust. Man durchschaut nicht, warum der Rechner nicht so reagiert, wie man es erwartet.
Wenn ein Rechner noch einigermaßen akzeptabel von der Hardware ist, kann man ihn mit den fehlenden Updates und ein bisschen Zusatzsoftware noch eine Weile halten – aber irgendwann kommt man an Grenzen, denn mit dem Tun steigen auch die Ansprüche.
Es müssen nicht unbedingt Kaufprogramme sein, aber erprobt und gut handzuhaben sollten sie sein.
Und da müssen sich die Schüler auf unsere Erfahrungen stützen können und auch akzeptieren, dass ein Rechner kein Elektroherd ist und sich die Umgebung, in der man sich bewegt – permanent weiterentwickelt…
Junge Leute haben ein gänzlich anderes Arbeitsverhalten, deshalb sollte man ihnen den Rechner auch nicht anvertrauen. Am Ende hat man viele Programme auf dem Rechner, mit denen man nicht umzugehen weiss und erklärt wurde auch nichts…
Gut, wenn das Gespräch dazu geführt hat, dass sich die Dame anders besonnen hat und sich entschließt einen neuen Rechner anzuschaffen.
Viele Grüße
Anntheres